#VSEAC2023 in Berlin

„Wie bemesse ich den Wert eines Menschenlebens?“

Berlin, 7. Juni 2023 – So viele Teilnehmer gab es noch nie: Mehr als 300 Opferschützerinnen und Opferschützer aus aller Welt diskutieren derzeit auf der Jahreskonferenz von Victim Support Europe (VSE) in Berlin. Ihr Thema: „Schutz der Grundfreiheiten – gelebter Opferschutz“.

Astrid Passin verlor beim Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz ihren Vater.
(Foto: Ahlers)

Gleich zu Beginn des ersten Konferenztages hatten die Betroffenen von Hass und Gewalt das Wort. Astrid Passin verlor ihren Vater durch den islamistischen Terroranschlag auf den Berliner Breitscheidplatz 2016. „Ein einziger Tag im Leben, der alles auf den Kopf stellt und umdreht“, sagte sie. „Ein schwarzer Koloss, der binnen Sekunden die Herzen vieler getötet hat“, so Passin. „Das, wovor ich die meiste Angst hatte: Wie erkläre ich das meinem Kind?“ Eindrucksvoll schilderte sie ihre Gefühlslage: „Es ist wie Sterben auf Raten.“

Sie berichtet, mit welchen Schwierigkeiten die Betroffenen zu kämpfen hatten: „Welche Maßnahmen gibt es? Wo kann ich mich hinwenden? Was bin ich eigentlich? Wer hört mir zu?“ Dabei geht Passin vor allem mit dem Staat hart ins Gericht. „Es schien, als wären die Behörden im Winterschlaf.“ Hinterbliebene bekämen in der Regel 10.000 Euro vom Staat, nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz sei die Summe auf 30.000 Euro aufgestockt worden. „Aber was hilft das, wenn ich nicht mehr arbeiten kann?“, fragte sie. „Wie bemesse ich den Wert eines Menschenlebens?“

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Sie beendete ihren Vortrag mit einem kurzen Gedicht von Hermann Hesse: „Geduld ist das schwerste und einzige, was zu lernen sich lohnt.“ Ihre Forderung: „Die Frage der Unterstützung von Terroropfern darf keine Frage des Budgets sein!”

Mehr als 300 Opferschützerinnen und Opferschützer aus aller Welt diskutieren derzeit auf der Jahreskonferenz von Victim Support Europe (VSE).

Mit der Frage, wie sich Hass und Gewalt bekämpfen lassen, beschäftigten sich anschließend zahlreiche Experten auf dem Podium und in Workshops. Tom De Bruyne aus Amsterdam, Gründer der Behavioural Design Academy, hielt den Vortrag „Make Empathy Great Again“, und befasste sich mit dem Phänomen des weltweit um sich greifenden Populismus. Er schlägt vor, Populismus mit seinen eigenen Waffen zu bekämpfen. „Populismus hat einen schlechten Ruf – aufgrund des Populismus. Mein Traum wäre es, eine Bewegung zu haben, die sich gegen den Populismus wendet. Einen Gegen-Populismus sozusagen“, sagte De Bruyne.

Katharina Wall von der Körber-Stiftung aus Hamburg stellte das Portal „Stark im Amt“ vor, das Kommunalpolitiker und -politikerinnen unterstützt, die Opfer von Beleidigungen, Bedrohungen oder Angriffen wurden. Eine repräsentative Befragung aus dem April 2021 unter insgesamt 1.641 Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern im gesamten Bundesgebiet habe gezeigt, dass 57 Prozent der Befragten im Rahmen ihrer Tätigkeit schon mindestens einmal Anfeindungen oder Übergriffen erlebt haben. In größeren Städten seien sogar 75 Prozent betroffen. 81 Prozent der Befragten hätten angegeben, dass die deutsche Gesellschaft ihrer Meinung nach zunehmend verrohe. 

Psychologe und Autor Ahmad Mansour (Foto: C. J. Ahlers)

Der deutsch-israelische Psychologe und Autor Ahmad Mansour hat eine Initiative gegründet, die zahlreiche Projekte für Demokratieförderung und Extremismusprävention sowohl im Bildungssektor als auch in Gefängnissen veranstaltet. In seiner Rede forderte er unter großem Applaus: „Wir müssen da sein, wo die Jugendlichen sind. Wir brauchen digitale Sozialarbeit!“

Veranstalter der Tagung ist Victim Support Europe (VSE), der Dachverband der europäischen Opferhilfeorganisationen, Ausrichter ist der WEISSE RING, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer. Die VSE-Konferenz findet einmal jährlich statt, zuletzt war sie im Jahr 2010 in Deutschland. Sie ist eine der größten und wichtigsten Veranstaltungen im Bereich der Opferhilfe weltweit.

Darum geht es bei der #VSEAC2023

Am Donnerstag wird die Konferenz fortgesetzt. Das Programm beginnt morgens mit Vorträgen und Diskussionen, nachmittags finden verschiedene ergänzende Workshops statt. Der Besuch der Konferenz ist auch tageweise möglich.

Einen Liveticker mit Zitaten und weiteren Impressionen vom Mittwoch finden Sie auf Twitter.

https://twitter.com/weisserring/status/1666354885363744768