Wer vor Gewalt in seinem Heim flieht, braucht oft schnell und unkompliziert einen sicheren Zufluchtsort. Für Männer ist das in Deutschland ein immenses Problem: Bundesweit gibt es insgesamt zwölf Wohnungen, in denen ausdrücklich nur Männer Schutz finden. Dazu gibt es noch drei geschlechtsunabhängige Schutzwohnungen mit insgesamt fünf Plätzen. Vom Saarland tief im Westen über die Achse Rheinland-Pfalz, Hessen und Sachsen-Anhalt bis nach Berlin und Brandenburg im Osten finden Betroffene keinen Zufluchtsort. Ähnlich düster ist die Situation hoch im Norden: Während auf der Insel Rügen in Mecklenburg-Vorpommern immerhin eine geschlechtsneutrale Unterkunft angeboten wird, müssen sich Männer in Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein selbst einen sicheren Ort suchen.
Länder wollen Lücken nicht schließen
Eine Umfrage der Redaktion des WEISSEN RINGS unter den 16 Landesregierungen zeigt, dass die Länder die Lücken absehbar nicht schließen wollen. Lediglich in Thüringen sieht ein Gesetzentwurf die Errichtung einer Schutzwohnung für Männer vor. Ein Termin, wann darüber im Erfurter Landtag diskutiert werden soll, steht allerdings noch nicht fest.
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Die Länder, in denen es bisher keinerlei Schutzeinrichtung gibt, planen auch nicht, dies zu ändern. Vor allem ein Argument findet sich immer wieder in den Antwortschreiben: Es gebe „keine wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse“ (Hessen) oder es wird schlicht „kein Bedarf gesehen“ (Saarland). Brandenburg hingegen sei der „grundsätzliche Bedarf an Maßnahmen für Männergewaltschutz“ zwar bewusst, schreibt das Sozialministerium, eine „strukturelle und geschlechtsspezifische Gewaltbetroffenheit von Männern“ lasse sich daraus aber nicht ableiten. Von anderen Bundesländern wisse man, „dass vor allem Beratungsangebote wichtig sind“.
Ähnlich sieht es in Bremen aus: Über die Fachberatungsstelle sei „nicht gemeldet worden, dass Männer dringend untergebracht werden müssen“. Im Jahr 2022 seien laut Polizeistatistik elf Frauen der Wohnung verwiesen worden, weil sie Gewalt gegen ihren Partner oder ihre Partnerin ausgeübt hatten. In diesen Fällen hätten die betroffenen Männer „in der eigenen Wohnung verbleiben“ können und keine Schutzwohnung benötigt.
Andere Länder erklären, dass zunächst der Bedarf an Schutzeinrichtungen geprüft werden müsse oder aktuell geprüft werde. Während in Mecklenburg-Vorpommern „aktuell eine Evaluation des allgemeinen und spezialisierten Hilfesystems“ erfolgt, soll in Rheinland-Pfalz ein Pilotprojekt in Mainz „dabei helfen, den tatsächlichen Bedarf an Angeboten für gewaltbetroffene Männer besser einschätzen zu können“. Auch die Bundeshauptstadt Berlin untersucht nach eigenen Angaben, ob Schutzplätze „perspektivisch“ ermöglicht werden könnten.
„Platzaufwuchs (…) nicht angezeigt“
Das größte Flächenland Bayern, das gerade einmal zwei Schutzwohnungen anbietet, prüft „mit Hilfe der Evaluation und der Projektpartner“ einen Ausbau. Nordrhein-Westfalen argumentiert, dass das Land mit den fünf vorhandenen Wohnungen für Männer die Empfehlung der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz (BFKM) bereits umgesetzt habe – als einziges Bundesland in Deutschland. Auch die sächsische Landesregierung sieht bei drei vorhandenen Wohnungen speziell für Männer einen „Platzaufwuchs (…) nicht angezeigt“.
Und was geschieht mit Männern, die ihr Zuhause verlassen müssen und in Ländern ohne Zufluchtsangebot leben? Für Betroffene in Hamburg werde nach „individuellen Lösungen“ gesucht, in Sachsen-Anhalt können sie sich „aktuell an das grenznahe Männerhaus in Leipzig wenden“.
Dass es an Angeboten für Männer fehlt, könnte auch daran liegen, dass es ihnen an Fürsprechern fehlt. „Für Männergewaltschutz ist bislang in Brandenburg keine Ressortzuständigkeit, einhergehend mit Personal- und Haushaltsmitteln vorhanden“, teilte die Landesregierung in Potsdam mit. „In Bremen gibt es dazu tatsächlich keinen Ansprechpartner“, räumt auch Deutschlands kleinstes Bundesland ein.
Christian J. Ahlers, Nina Lenhardt und Karsten Krogmann
Update vom 23. Mai 2024:
Als Reaktion auf die Berichterstattung des WEISSEN RINGS hat Staatssekretärin Dr. Christine Arbogast vom niedersächsischen Sozialministerium der Redaktion folgende Nachricht geschrieben:
„[…] Für männliche Opfer existieren insgesamt bisher nur wenig geschlechtsspezifische Versorgungsstrukturen. In Niedersachen prüfen wir daher aktuell die Möglichkeit der Einrichtung einer Männerschutzwohnung. Seien Sie versichert, dass sich die Niedersächsische Landesregierung der Bedeutung des Themas „Gewalt gegen Männer bewusst ist und sich diesem verstärkt annehmen wird.“
Alle Texte der Recherche im Überblick:
➡ #WRstory: Wenn Männer Opfer von Partnerschaftsgewalt werden
➡ Ruhe im Karton: Wie in Oldenburg Deutschlands erste Männerschutzwohnung entstand
➡ Nachgefragt: Warum viele Bundesländer keine Zufluchtsorte für Männer anbieten
➡ Ministerin Lisa Paus: „Ich führe das Gesellschaftsministerium – und das ist auch für Männer da“
➡ BFKM-Chef Frank Scheinert: „Es ist unser Job, immer wieder die Hand zu heben“
➡ Nachgefragt: Wie die Polizei auf Beziehungsgewalt gegen Männer blickt
➡ Christiane Feichtmeier (GdP): „Wir als Polizei müssten mehr sensibilisiert werden“
➡ Traditionelle Männerbilder: Die Schwäche der Superhelden
➡ KFN-Studie: Fakten und Zahlen zur Untersuchung von Partnerschaftsgewalt gegen Männer
➡ KFN-Studienleiter Schemmel: „Das fehlende Selbstverständnis als Opfer spielt eine zentrale Rolle“