Digitale Gewalt

So leiden Behörden in Deutschland unter Hass und Hetze

Wer in einer deutschen Großstadt in der Verwaltung arbeitet, muss mit Cybermobbing, Beleidigungen und Bedrohungen im Internet rechnen – und kann sogar Opfer körperlicher Gewalt werden. Das ist das Ergebnis einer Erhebung der Redaktion des WEISSEN RINGS.

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Der Ton gegen Behördenmitarbeitende wird rauer. Wie aus den Antworten auf die Umfrage der Redaktion unter deutschen Großstädten hervorgeht, haben Beschäftigte in 92 Prozent der Kommunen schon digitale Gewalt erlebt. 76 Prozent berichteten zudem von körperlichen Angriffen auf Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen innerhalb der vergangenen zwölf Monate.

Einen Fragebogen erhielten im Frühjahr alle deutschen Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern. Von 82 angefragten Verwaltungen meldeten sich bis zum Redaktionsschluss 44 zurück, für die Auswertung wurden 38 Antworten berücksichtigt. Fünf Städte wurden aufgrund lückenhafter Antworten aussortiert, eine weitere Stadt teilte mit, nicht teilnehmen zu können. Für die Aufbereitung wurden zum Teil Rückmeldungen in den Fragebogen eingepflegt, etwa wenn separate Angaben gemacht wurden, obwohl dafür Antwortkategorien vorgesehen waren, oder angepasst. In diesen Fällen wurden die standardisierten Antwortformate nachträglich ausgewählt.

Demnach gab es in den vergangenen zwölf Monaten in 29 Verwaltungen körperliche Angriffe auf Beschäftigte. 35 Städte haben bereits Fälle digitaler Gewalt registriert. Am häufigsten erlebten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dort:

• beleidigende oder bedrohliche Nachrichten über Mail oder Messenger-Dienste (83 Prozent; Mehrfachnennung möglich),

• beleidigende oder bedrohliche Kommentare in sozialen Medien (69 Prozent),

• andere Formen, zum Beispiel negative oder beleidigende Google-Rezensionen (26 Prozent),

• Verbreitung privater Informationen ohne ihre Zustimmung (17 Prozent).

Antworten aus 38 Städten flossen in die Bewertung ein.

Auf die zunehmende Verrohung eingestellt sind die Kommunen oftmals nicht. Lediglich die Hälfte der Behörden gab an, intern über spezielle Richtlinien oder Verfahren im Umgang mit digitaler Gewalt gegen Mitarbeitende zu verfügen (19 Städte). Eine Einheitlichkeit in der Vorgehensweise lässt sich hierbei nicht erkennen. Am häufigsten wird betroffenen Beschäftigten eine Beratung durch interne Fachkräfte als Unterstützung angeboten (34 Städte; Mehrfachauswahl möglich).

Etwas weniger Verwaltungen ermöglichen den Zugang zu externen Beratungsstellen oder Therapeuten (30 Städte). Die Auswahlmöglichkeit „Andere Unterstützung“ markierten 15 Behörden. In 12 Städten gibt es den Angaben zufolge Schulungen zum Umgang mit digitaler Gewalt.

Alle Fragebogen-Antworten der 38 Städte, die berücksichtigt wurden, finden sich in diesem PDF-Dokument.

Ausgewählte Aussagen der Städte:

BREMEN:

„Ein Kläger stellte Beschäftigte auf seiner Webseite namentlich an den Pranger und drohte mit einem Amoklauf, so dass für die Sitzungen des zuständigen Senats entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden mussten.“

HANNOVER:

„In Bezug auf ‚digitale Gewalt‘ sind bei der LHH (Landeshauptstadt Hannover, Anm. d. Red.) jedoch insbesondere Beleidigungen und Bedrohungen per E-Mail relevant. (…) In einer Google-Rezension wurde in Verbindung mit der sehr negativen Beschreibung einer Dienstleistung der Verwaltung der Name der dafür ‚verantwortlichen‘ städtischen Mitarbeiterin genannt, was für diese eine sehr starke Belastung darstellte.“

RECKLINGHAUSEN:

„Einzelne Beschäftigte wandten sich in der Vergangenheit an die Dienststelle, sofern sie im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit in sozialen Medien privat angegriffen wurden. Beleidigungen, Beschimpfungen und zum Teil Bedrohungen erfolgen durchaus auch per Dienstmail an unsere Beschäftigten – vor allem, wenn Anliegen an die Verwaltung nicht zufriedenstellend bearbeitet werden konnten.“

DÜSSELDORF:

„Ein krasser Fall war die Bedrohung via WhatsApp mit anschließendem Auftreten vor der Privatwohnung eines Mitarbeiters über ein Jahr nach einem OSD-Einsatz gegen den Tatverdächtigen (OSD = Ordnungs- und Servicedienst).“

MÜLHEIM/RUHR:

„Unseren Mitarbeitenden steht ein hausinternes Meldesystem zur Verfügung, über welches diese Vorfälle gemeldet werden. Hier können die Betroffenen detaillierte Angaben zum Gewaltvorfall machen, wie u. a. der Form der ausgeübten Gewalt – ob digital, körperlich oder verbal. Außerdem können die Betroffenen über das Meldesystem den Wunsch äußern, den Vorfall durch unser Rats- und Rechtsamt strafrechtlich verfolgen zu lassen und somit Strafanzeige oder -antrag zu stellen.“

LUDWIGSHAFEN:

„Insgesamt lässt sich sagen, dass in den zurückliegenden Jahren gegenüber Ordnungskräften und Mandatsträgern der Ton rauer wurde sowie die Hemmschwelle für Beleidigungen sank – dies gilt für den persönlichen wie auch den digitalen Kontakt, hier besonders in den sozialen Medien.“

NÜRNBERG:

„Alleine aus dem eigenen Arbeitsfeld (zentrale städtische Kanäle, Google-Rezensionen), können wir bestätigen, dass es digitale Gewalt in Form von Kommentaren und Direktnachrichten gab – deutlich mehr beleidigend als bedrohend, aber teilweise sehr heftig.“

Christoph Klemp, Nina Lenhardt und Julia Zipfel