Umfangreiche Recherche des WEISSEN RINGS – Verzerrtes Bild von Kriminalität
Ob als Podcast zum Hören, als Fernsehsendung zum Schauen oder als Magazin zum Lesen: True Crime boomt. Doch die Bedürfnisse von Kriminalitätsopfern finden bei Macherinnen und Machern von True-Crime-Angeboten so gut wie keine Berücksichtigung. Das geht aus einer umfassenden Recherche des WEISSEN RINGS hervor, Deutschlands größer Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer. Nicht selten stoßen Betroffene zufällig und unvorbereitet beim morgendlichen Zeitungslesen oder abendlichen Fernsehgucken auf „ihren“ Fall und werden dadurch ein zweites Mal verletzt.
Aus der Bahn geworfen: Die dunkle Seite des True-Crime-Booms
True Crime findet nicht nur überregional statt. Mehr als jede zweite lokale Zeitungsredaktion hat bereits ein regelmäßiges Angebot oder plant zeitnah eines, wie eine Umfrage des WEISSEN RINGS zeigt. Mit der Zahl der True-Crime-Formate steigt auch die Zahl der Verbrechensopfer, deren Geschichten öffentlich erzählt werden. Die Redaktion des WEISSEN RINGS legt mit dem #TrueCrimeReport nun erstmals eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema vor. Zu finden ist die Recherche im Internet unter www.forum-opferhilfe.de/truecrimereport und auf rund 60 Seiten in der aktuellen Ausgabe von „Forum Opferhilfe“, dem Magazin des WEISSEN RINGS.
Hauptsache tot
Da es zu True Crime kaum Forschung und Statistiken gibt, hat der WEISSE RING eigene Daten erhoben. Die KI-gestützte Analyse von Podcasts zeigt: Drei Viertel der deutschen True-Crime-Podcasts beschäftigen sich mit Tötungsdelikten. Nur selten kommen andere Straftaten vor wie Raub (3 Prozent), Wirtschaftskriminalität (2 Prozent) oder häusliche Gewalt (0,33 Prozent). Das sorgt für ein verzerrtes Bild von Kriminalität: In der Polizeilichen Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts machen sogenannte Straftaten gegen das Leben nur 0,1 Prozent der erfassten Delikte aus. Aus Sicht des WEISSEN RINGS liegt die Vermutung nahe, dass es bei einer Vielzahl der True-Crime-Angebote nicht um die Erfüllung eines journalistischen Auftrags geht, sondern vor allem um die Bedienung eines lukrativen Marktes.
Eine nicht repräsentative Umfrage belegt außerdem: Wenn Journalistinnen oder Journalisten über zurückliegende Kriminalfälle berichten, binden sie Opfer und ihre Angehörigen häufig nicht ein. Aus den Redaktionen der Lokalzeitungen gab es zwar nur wenige Rückmeldungen auf die Anfrage des WEISSEN RINGS – die Mehrheit dieser Rückmelder erklärte aber, für True-Crime-Formate keinen Kontakt zu Betroffenen aufzunehmen. Dies sei inhaltlich nicht notwendig. Kriminalitätsopfer berichteten dem Rechercheteam des WEISSEN RINGS hingegen, wie belastend und sogar retraumatisierend sie True-Crime-Berichterstattung erlebt hätten.
Medienethische Standards notwendig
„Wir müssen dringend medienethische Verabredungen darüber treffen, wie wir mit dem Phänomen True Crime umgehen wollen“, sagt Dr. Patrick Liesching, Bundesvorsitzender des WEISSEN RINGS. „Es geht hier nicht nur um echte Verbrechen, sondern auch um echte Menschen.“
Er stellt drei Forderungen an True-Crime-Macherinnen und -Macher:
- „Prüfen Sie, ob es tatsächlich ein öffentliches Interesse gibt, den Fall erneut zu erzählen!
- Setzen Sie sich ernsthaft mit dem Thema auseinander, betreiben Sie keinen Sensationsjournalismus!
- Binden Sie die Betroffenen sensibel mit ein!“
Die Reporterinnen und Reporter des WEISSEN RINGS haben nicht nur Daten erhoben und zahlreiche True-Crime-Formate studiert, sondern auch mit renommierten Fachleuten aus Wissenschaft und Justiz gesprochen, mit erfolgreichen True-Crime-Macherinnen und -Machern und natürlich mit zahlreichen Kriminalitätsopfern. Auf diese Weise ist ein mosaikartiges Lagebild zu True Crime in Deutschland entstanden.
Die sieben wichtigsten Erkenntnisse dieser Recherche gibt es hier auf einen Blick:
- True Crime boomt. Mehr als jede zweite lokale Zeitungsredaktion hat bereits ein regelmäßiges Angebot oder plant zeitnah eines. Das hat eine Umfrage der Redaktion des WEISSEN RINGS ergeben.
- Millionen Menschen hören, schauen oder lesen True Crime.
- „Wahre Verbrechen“ sind für Medien „Ware Verbrechen“.
- True Crime heißt „wahre Verbrechen“, bedeutet aber meistens Mord und Totschlag. Drei Viertel der deutschen True-Crime-Podcasts beschäftigen sich mit Tötungsdelikten. Das ist das Ergebnis einer Datenanalyse des WEISSEN RINGS.
- True Crime ist mitunter (zu) schnell gemacht.
- Opfer und ihre Interessen spielen bei True Crime häufig keine Rolle.
- Täter haben mehr Rechte als ihre (toten) Opfer.
Der #TrueCrimeReport: Alle Texte im Überblick
- Aus der Bahn geworfen: Die dunkle Seite des True-Crime-Booms
- Fakten: Die sieben wichtigsten Erkenntnisse unserer Recherche
- Exklusive Datenanalyse: Hauptsache tot
- Wie alles begann: Eine Mords-Geschichte
- Christian Schertz: „Opferrechte bleiben auf der Strecke“
- Ingrid Liebs: „Ich brauche die Öffentlichkeit“
- Umfrage: Wie gehen True-Crime-Macher:innen mit Betroffenen um?
- Christian Solmecke: Was True-Crime-Formate dürfen – und was nicht
- Nahlah Saimeh über den „potenziellen Gewalttäter in uns selbst“
- Johann Scheerer: „Befriedigung einer Schaulustigen-Mentalität“
- Zeit Verbrechen: „Scherben aufkehren, die andere zurücklassen“
- „Mordlust“: Warum sie die Perspektive gewechselt haben
- Erfahrungsbericht: Ist True Crime sinnvoll oder voyeuristisch?
- OMR: Marketing-Experte erklärt, warum Podcasts so beliebt sind
- Torsten Körner: „True Crime ist was für Feiglinge“
- Fall Högel: Die ungewöhnliche Anfrage eines Fernseh-Teams
- Presserat: Bisher nur eine Rüge für True-Crime-Format
- Hintergrund: Wie die Redaktion recherchiert hat
- Audiostory: Aus der Bahn geworfen
- Audiostory: Ingrid Liebs über ihre Erfahrungen mit True-Crime-Formaten
- Forum Opferhilfe: Das Magazin
- Deutsche Ausgabe (PDF-Format)
- Englische Ausgabe (PDF-Format)
Der WEISSE RING wurde 1976 in Mainz gegründet als „Gemeinnütziger Verein zurUnterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten e. V.“. Er ist Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität. Der Verein unterhält ein Netz von fast 3.000 ehrenamtlichen, professionell ausgebildeten Opferhelferinnen und ‑helfern in bundesweit 400 Außenstellen, beim Opfer-Telefon und in der Onlineberatung. Der WEISSE RING hat mehr als 100.000 Förderer und ist in 18 Landesverbände gegliedert. Er ist ein sachkundiger und anerkannter Ansprechpartner für Politik, Justiz, Verwaltung, Wissenschaft und Medien in allen Fragen der Opferhilfe. Der Verein finanziert seine Tätigkeit ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und testamentarischen Zuwendungen sowie von Gerichten und Staatsanwaltschaften verhängten Geldbußen. Der WEISSE RING erhält keinerlei staatliche Mittel.