113 Femizide im Jahr 2021

Partnerschaftsgewalt: Ein Tötungsversuch pro Tag

Deutschland schafft es weiterhin nicht, Frauen vor tödlicher Gewalt in der Partnerschaft zu schützen: 113 Frauen starben im Jahr 2021 durch sogenannte Femizide. „Beinahe jeden Tag versucht ein Partner oder Ex-Partner eine Frau zu töten“, sagte Bundesfrauenministerin Lisa Paus (Die Grünen) am Donnerstag bei der Vorstellung der aktuellen Zahlen in Berlin. „Fast jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch ihren derzeitigen oder vorherigen Partner.“ Partnerschaftsgewalt trifft überwiegend Frauen, aber auch 14 Männer kamen dadurch im vergangenen Jahr ums Leben.

Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Todesfälle leicht gesunken (2020: 139 getötete Frauen und 30 getötete Männer). „Ein Grund zur Entwarnung ist das aber keineswegs“, sagt Dr. Patrick Liesching, Bundesvorsitzender des WEISSEN RINGS. Während die Zahl anderer Gewaltdelikte seit Jahren zurückgeht, bleiben die Femizid-Fälle hoch – mit leichten Bewegungen nach unten (2012: 113) und oben (2014: 167). Im Mittel starben seit 2011 jährlich 138 Frauen durch ihre Partner oder Ex-Partner. „Das wollen und werden wir nicht akzeptieren“, so Liesching.

Forderungen an die Politik

Bereits im Januar 2021 forderte der WEISSE RING hochrangige Politiker wie Bundeskanzler Olaf Scholz und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Brandbrief zum sofortigen Handeln auf. Zwar hätten sich in der Folge zahlreiche Gespräche mit prominenten Amtsträgern und Amtsträgerinnen ergeben, sagt Liesching. „Wirksame Maßnahmen lassen aber weiter auf sich warten, zum Beispiel die Kontrolle gerichtlicher Annäherungsverbote durch elektronische Fußfesseln oder ein bundeseinheitliches Hochrisikomanagement für bedrohte Frauen.“

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Insgesamt erfassten die Behörden im vergangenen Jahr 143.016 Fälle von Gewalt in Partnerschaften. 80,3 Prozent der Opfer sind weiblich, 19,7 Prozent männlich. Das teilten Bundesfamilienministerium, Bundesinnenministerium und Bundeskriminalamt (BKA) auf der gemeinsamen Pressekonferenz zum „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ am 25. November mit. Im Vergleich zu 2020 ist das ein Rückgang um drei Prozent. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), Familienministerin Lisa Paus und BKA-Präsident Holger Münch verwiesen aber gleichzeitig darauf, dass die Zahl in den vergangenen fünf Jahren um insgesamt 3,4 Prozent gestiegen sei.

Was wissen wir über Opfer und Täter im Jahr 2021?

  • 115.34 Frauen und 28.262 Männer wurden 2021 Opfer von Partnerschaftsgewalt.
  • Insgesamt ist fast jedes fünfte in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfasste Opfer von Partnerschaftsgewalt betroffen.
  • 39,6 Prozent der Opfer sind ehemalige Partnerinnen oder Partner des Tatverdächtigen/der Tatverdächtigen. 60,2 Prozent der Opfer befanden sich in einer aktuellen Beziehung mit dem oder der Tatverdächtigen.
  • 78,8 Prozent der Tatverdächtigen sind männlich, 21,2 Prozent weiblich.
  • Opfer von Partnerschaftsgewalt haben überwiegend eine deutsche Staatsangehörigkeit (70 Prozent).
  • 65,6 Prozent der erfassten Tatverdächtigen waren deutsche Staatsbürger.

(Weitere Infos und Zahlen: BKA – Partnerschaftsgewalt – Kriminalstatistische Auswertung)

Hohes Dunkelfeld

„Ich kämpfe dafür, dass Frauen in Zukunft einen sicheren Zufluchtsort, kompetente Beratung und Hilfe finden“, sagte Frauenministerin Paus an. Innenministerin Faeser erklärte: „Männer, die Gewalt gegen Frauen ausüben, egal ob psychische oder physische, sind Straftäter. Straftäter, die wir mit aller Härte verfolgen.“ BKA-Präsident Münch kündigte als „Kernaufgabe“ für seine Behörde an, „das Dunkelfeld weiter auszuleuchten“.

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„Jede Stunde erleiden durchschnittlich 13 Frauen Gewalt in der Partnerschaft“, rechnete Lisa Paus vor. Das sind aber nur die angezeigten Fälle, tatsächlich dürften es sehr viel mehr sein: Bei häuslicher Gewalt geht der WEISSE RING von einer Dunkelziffer von rund 80 Prozent aus.

Quelle:
Text: WEISSER RING
Foto: Kay Nietfeld/dpa