Recherche des WEISSEN RINGS

Länder lassen Männer als Opfer von Partnerschaftsgewalt im Stich

Mainz – In zehn Bundesländern gibt es derzeit keine einzige Schutzeinrichtung für Männer, die von Partnerschaftsgewalt betroffen sind – und absehbar wollen die betreffenden Länder diese Lücke auch nicht schließen. Das ist das Ergebnis einer Recherche aus der Redaktion des WEISSEN RINGS, Deutschlands größter Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer.
Häusliche Gewalt und Partnerschaftsgewalt treffen zwar häufiger und oft mit schlimmeren Verletzungsfolgen Frauen als Männer, darauf weist der WEISSE RING seit Jahren hin. Aber ein Fünftel der in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Opfer von Partnerschaftsgewalt sind eben auch Männer – in Zahlen: 31.469 Betroffene im Jahr 2022. Hinzu kommt ein sehr großes Dunkelfeld.

#WRstory: Wenn Männer Opfer von Partnerschaftsgewalt werden

Einer neuen Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) zufolge, die mit Mitteln der WEISSER RING Stiftung finanziert wurde, hat sogar jeder zweite Mann in Deutschland mindestens einmal in seinem Leben Gewalt in einer Beziehung erlebt. Männer erfahren dabei häufiger psychische Gewalt (39,8 Prozent) als körperliche Gewalt (29,8 Prozent). „Auch für Männer braucht es mehr Orte, an denen sie bei Bedarf spontan Unterkunft finden, gegebenenfalls auch mit Kindern (Männerhäuser)“, heißt es im Ergebnis in der Studie.

Bundesweit nur 46 Schutzplätze für Männer

Aktuell halten diese zehn Bundesländer keine Männer-Schutzwohnung vor: Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine Schutzwohnung auf der Insel Rügen, die „unabhängig vom Geschlecht und damit selbstverständlich auch von männlichen Betroffenen in Anspruch genommen werden kann und im letzten Jahr auch entsprechend genutzt wurde“, wie das Ministerium auf Nachfrage des WEISSEN RINGS mitteilt.
Insgesamt gibt es der Umfrage zufolge in Deutschland nur zwölf Einrichtungen, die von Partnerschaftsgewalt betroffenen Männern offenstehen: eine in Baden-Württemberg, zwei in Bayern, eine in Niedersachsen, fünf in Nordrhein-Westfalen und drei in Sachsen. In Sachsen findet sich zudem eine von drei geschlechtsneutralen Schutzwohnungen in Deutschland. Bundesweit gibt es somit nur 46 Schutzplätze für Männer. Nordrhein-Westfalen und Sachsen folgen mit der Anzahl der Einrichtungen als einzige Länder der Empfehlung der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz (BFKM).

Während betroffene Männer und Männerberatungsstellen dringenden Bedarf an solchen „Männerhäusern“ anmelden, beurteilen die Länder das häufig anders. So wird im Saarland schlicht „kein Bedarf gesehen“, und Hessen teilt mit: „Bisher gibt es keine wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse darüber, ob ein Netz an ähnlich ausgerichteten Zufluchtsmöglichkeiten wie es sie für gewaltbetroffene Frauen gibt, erforderlich ist.“

„Aktuell (…) keine konkreten Pläne“

Hessen verweist dementsprechend allgemein auf „eine Vielzahl an Hilfsangeboten“ im Land, und das Saarland erklärt: „Aktuell gibt es keine konkreten Pläne zur Schaffung einer entsprechenden Einrichtung.“ Auch Bremen, Hamburg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt geben an, dass es aktuell keine entsprechenden Vorhaben gebe. Thüringen verweist darauf, dass ein aktueller Gesetzentwurf der Regierungsfraktionen „(zumindest) eine Schutzeinrichtung für Männer“ vorsehe. Zurzeit sei die Schaffung solcher Schutzeinrichtungen im Land Angelegenheit der Kommunen, laut dem Gesetzentwurf solle die Zuständigkeit aufs Land übertragen werden.

Immerhin vier Länder (Bayern, Berlin, Brandenburg und Rheinland-Pfalz) kündigen eine Bedarfsprüfung an. Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben die Fragen des WEISSEN RINGS nicht beantwortet.

➡ Ruhe im Karton: Wie in Oldenburg Deutschlands erste Männerschutzwohnung entstand

Dass es an Angeboten für gewaltbetroffene Männer fehlt, könnte auch daran liegen, dass es ihnen an Fürsprechern in den Ländern fehlt. „In Bremen gibt es dazu tatsächlich keinen Ansprechpartner“, räumt Deutschlands kleinstes Bundesland ein. Und die Landesregierung in Potsdam teilt mit: „Für Männergewaltschutz ist bislang in Brandenburg keine Ressortzuständigkeit, einhergehend mit Personal- und Haushaltsmitteln vorhanden.“

WEISSER RING fordert Nachbesserung

Die Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS, Bianca Biwer, fordert Bund und Länder auf, im Bereich der Männerschutzeinrichtungen dringend nachzubessern. „Wie alle von Gewalt betroffenen Menschen brauchen Männer, die von Partnerschaftsgewalt betroffen sind, ein professionelles Unterstützungsangebot.“

Update vom 23. Mai 2024:
Als Reaktion auf die Berichterstattung des WEISSEN RINGS hat Staatssekretärin Dr. Christine Arbogast vom niedersächsischen Sozialministerium der Redaktion folgende Nachricht geschrieben:
„[…] Für männliche Opfer existieren insgesamt bisher nur wenig geschlechtsspezifische Versorgungsstrukturen. In Niedersachen prüfen wir daher aktuell die Möglichkeit der Einrichtung einer Männerschutzwohnung. Seien Sie versichert, dass sich die Niedersächsische Landesregierung der Bedeutung des Themas „Gewalt gegen Männer bewusst ist und sich diesem verstärkt annehmen wird.“

Alle Texte der Recherche im Überblick:

#WRstory: Wenn Männer Opfer von Partnerschaftsgewalt werden
Ruhe im Karton: Wie in Oldenburg Deutschlands erste Männerschutzwohnung entstand
Nachgefragt: Warum viele Bundesländer keine Zufluchtsorte für Männer anbieten
Ministerin Lisa Paus: „Ich führe das Gesellschaftsministerium – und das ist auch für Männer da“
BFKM-Chef Frank Scheinert: „Es ist unser Job, immer wieder die Hand zu ­heben“
Nachgefragt: Wie die Polizei auf Beziehungsgewalt gegen Männer blickt
➡ Christiane Feichtmeier (GdP): „Wir als Polizei müssten mehr sensibilisiert werden“
Traditionelle Männerbilder: Die Schwäche der Superhelden
KFN-Studie: Fakten und Zahlen zur Untersuchung von Partnerschaftsgewalt gegen Männer
KFN-Studienleiter Schemmel: „Das fehlende Selbstverständnis als Opfer spielt eine zentrale Rolle“