#VSEAC2023 in Berlin

„Im Interesse der Opfer dürfen wir keine Zeit verlieren“

Berlin, 9. Juni 2023 – Kriegs- und Krisengebiete sind nicht nur die Ukraine oder der Nahe Osten, sondern auch der digitale Raum. „Falschinformationen verbreiten sich sieben Mal schneller als Sachinformationen. Dieser Raum muss reguliert werden. Das ist gefährlich für Individuen, aber auch für unsere Gesellschaft und Demokratie als Ganzes“, sagte Anna-Lena von Hodenberg, Journalistin und eine der Gründerinnen von HateAid, einer gemeinnützigen Gesellschaft zur Unterstützung von Betroffenen von Online-Hass mit Sitz in Berlin. „Wir müssen den digitalen Raum miteinbeziehen, wo Opfer neu viktimisiert werden. Die Institutionen wie Polizei, Gericht und Staatsanwälte müssen vorbereitet sein, mit Opfern von digitalen Verbrechen zu arbeiten.“

Hila Shvoron (NATAL)
(Foto: Ahlers)

Aus Israel angereist war Hila Shvoron, stellvertretende Geschäftsführerin von NATAL – einer gemeinnützigen Organisation, die auf kriegs- und terrorbedingte Traumata spezialisiert ist. „Der Hauptunterschied zwischen Kriminalitätsopfern und Kriegsopfern liegt darin, dass wir im Fall von Kriegsopfern nicht nur auf der individuellen Ebene arbeiten können, sondern auch das kollektive Trauma angehen müssen“, sagte sie. „Wir wissen nicht, was die nächste Krise sein wird, aber wir müssen darauf vorbereitet sein.Wir müssen zusammenarbeiten, kooperieren und unser Wissen teilen.“

Tetiana Rudenko von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSCE) beschäftigt sich mit der Frage, wie man Menschenhandel verhindern kann. Vor allem Migranten und Flüchtlinge seien der Gefahr ausgesetzt, Opfer von Menschenhandel zu werden. Sie sagt: „Menschenhandel ist nicht einfach zu verstehen, wir müssen den Menschen erklären, welche Art von Hilfe sie erhalten können.“

„Es gibt in dieser Welt keine komplexere Aufgabe als den Opferschutz“

Abschließend wandte sich VSE-Präsidentin Rosa Jansen (Niederlande) mit einem Appell an das Publikum: „Im Interesse der Opfer dürfen wir keine Zeit verlieren. Die Entwicklung in der Welt schreitet sehr schnell voran. Jedes Jahr verändert sich die Welt. Darauf müssen wir vorbereitet sein.“

Mehr als 300 Opferschützerinnen und Opferschützer aus aller Welt diskutierten drei Tage lang auf der Jahreskonferenz von Victim Support Europe (VSE) in Berlin  – so viele wie noch nie. Bei der diesjährigen Tagung standen die ganz großen Themen unserer Zeit im Mittelpunkt: Demokratien stehen zunehmend unter Beschuss durch Populisten und Extremisten, Fanatiker greifen die freiheitlichen Grundwerte an, Hunderttausende Menschen sind zu Opfern von Krieg und Vertreibung geworden.

VSE-Präsidentin Jansen zeigte sich zum Abschluss hochzufrieden: „Auf dieser Konferenz kamen Jung und Alt zusammen, um sich mit so viel Energie auszutauschen. Es gibt in dieser Welt keine komplexere Aufgabe als den Opferschutz“, sagte sie. „Deshalb ist die Zusammenarbeit zwischen allen Partnern so wichtig. Wir dürfen nicht zögern, müssen aufstehen und unser Wissen nutzen!“

(Foto: C. J. Ahlers)

Petra Klein, VSE-Vize-Präsidentin und stellvertretende Bundesvorsitzende des deutschen Gastgebers WEISSER RING, sagte: „Die Konferenz hat gezeigt, dass die Mindeststandards für Opferrechte einer Überarbeitung bedürfen, da immer noch sehr wenige Betroffene den Weg zur Polizei finden.“ Sie betont: „Ich fand es ganz wichtig, dass sich am zweiten Konferenztag Polizei und Opfer-hilfsorganisationen über Opferrechte austauschen konnten, damit Opfer im Strafverfahren unter-stützt und begleitet werden und so ihre Rechte wahrnehmen können.“ Klein sieht hier seitens der Politik noch großen Handlungsbedarf.

#VSEAC2024 in Kroatien

Die VSE-Konferenz ist eine der größten und wichtigsten Tagungen im Bereich der Opferhilfe weltweit. Veranstalter ist Victim Support Europe (VSE), der Dachverband der europäischen Opferhilfeorganisationen, Gastgeber der diesjährigen Konferenz war der WEISSE RING, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer. Die VSE-Konferenz findet einmal jährlich statt, zuletzt war sie im Jahr 2010 in Deutschland. 2023 waren Teilnehmer aus zahlreichen europäischen Ländern zu Gast, aber auch aus den USA und Asien.

Die nächste VSE-Jahreskonferenz findet 2024 in Zagreb, Kroatien, statt.

Kurze Zusammenfassungen der beiden ersten Konferenztage:
Tag 1: „Wie bemesse ich den Wert eines Menschenlebens?“
Tag 2: „Polizeibeamte müssen wissen, was Opfer durchmachen“

Einen Liveticker mit Zitaten und weiteren Impressionen vom Freitag finden Sie auf Twitter.

https://twitter.com/weisserring/status/1667077137587732481