Ministerin Lisa Paus im Interview

„Ich führe das Gesellschaftsministerium – und das ist auch für Männer da“

Nein, sagt Lisa Paus, sie habe die Männer nicht vergessen: Noch in dieser Legislaturperiode will sie ein neues Gewalthilfegesetz abschließen, das auch für männliche Betroffene von Partnerschaftsgewalt da sein soll. Fünf Fragen an die Bundesfrauenministerin.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

„Wir werden das Recht auf Schutz vor Gewalt für jede Frau und ihre Kinder absichern“, heißt es im Koalitions­vertrag der Ampelregierung unter der Überschrift „Schutz vor Gewalt“. Von Männern als Opfern ist dort keine Rede. Haben Sie die Männer vergessen?
Schauen Sie, im Koalitionsvertrag ist das so beschrieben: Wir wollen „das Recht auf Schutz vor Gewalt für jede Frau und ihre Kinder abzusichern und einen einheit­lichen Rechtsrahmen für ein verlässliches Hilfesystem schaffen.“ Das gehört zur Umsetzung der sogenannten Istanbul-Konvention – dem wichtigsten internationalen Abkommen zum Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Das ist ein extrem wichtiges Anliegen für mich. Mein Ministerium kümmert sich innerhalb der ­Bundesregierung federführend darum. Das Ziel ist es, dass ­tatsächlich jede von häuslicher oder geschlechts­spezifischer Gewalt betroffene Person schnell und mit möglichst wenig Bürokratie Schutz und gute fachliche Beratung erhält. Dafür planen wir ein neues Gewalt­hilfegesetz. Überwiegend geht es dabei eben um Unterstützungsbedarfe von Frauen mit ihren Kindern. Aber das Gewalthilfegesetz wird auch für männliche Opfer von Partnerschaftsgewalt oder auch für nonbinäre ­Personen da sein. Das Gesetzesvorhaben wollen wir in dieser Legislaturperiode abschließen.

Fühlen Sie sich als Frauenministerin überhaupt für Männer zuständig?
In meinem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend arbeiten wir an vielen verschiedenen Aufgaben und Themen, die alle Menschen und das Zusammenleben in unserem Land betreffen. Man könnte auch sagen, ich führe das Gesellschaftsministerium.

Und selbstverständlich vertritt dieses Gesellschafts­ministerium auch die Anliegen von Jungen und ­Männern. So steht es auch im Koalitionsvertrag: Zur Gleichstellung von Frauen und Männern gehört auch eine gleich­stellungsorientierte Jungen- und Männerpolitik. Im BMFSFJ gibt es in der Abteilung „Gleichstellung“ ein eigenes Referat, das sich mit der Gleichstellung von Jungen und Männern befasst – in den Bereichen, in denen Männer und Frauen eben noch nicht gleich­gestellt sind. Dazu gehört, männerbezogene Rollen­klischees und Geschlechter-Stereotype abzubauen, der Schutz vor Gewalt und der Ausbau von Beratungs- und Hilfeangeboten für Männer.

Zum Beispiel fördern wir das Männerberatungsnetz des „Bundesforum Männer“. Auf dessen Website sind aktuell rund 450 Beratungsangebote zu Themen explizit für Jungen und Männer gebündelt, unter anderem auch zu Gewalterfahrungen.

Neben dem Gewaltschutz ist uns die Prävention ganz wichtig und der Ausbau entsprechender Angebote. Mein Haus fördert das Projekt des „SKM“ Bundesverbandes, in dem Fachleute für männerfokussierte Beratung ­weitergebildet werden. Denn spezialisierte Beratung, die auf die Probleme von Jungen und Männern eingeht, gibt es bislang zu wenig.

Ein Betroffener von Partnerschaftsgewalt sagte uns, er fühle sich „unsichtbar“ mit den belastenden Erfahrungen. Wie lässt sich Gewalt gegen Männer sichtbar machen?
Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Männliche Betroffene von Partnerschafts- und häuslicher Gewalt fühlen sich häufig allein und scheuen sich, Hilfe zu suchen oder sich anderen mitzuteilen. Deswegen ist es wichtig, die Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren und Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht allein sind.

Aus der Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts, also dem sogenannte Hellfeld, wissen wir, dass Frauen von geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt deutlich stärker betroffen sind. Die Auswertung zeigt aber auch, dass rund ein Fünftel der Opfer von Gewalt in einer Partner­schaft – oder ehemaligen Partnerschaft – Männer sind. Und unter den Opfern häuslicher Gewalt sind fast 30 Prozent Jungen oder Männer.

Um eine aktuelle, valide Datenbasis zu haben, führen wir derzeit zusammen mit dem Bundesinnenministerium und Bundeskriminalamt eine Dunkelfeldstudie durch. Die untersucht „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ in Deutschland. Die Befragung wird uns Daten insbesondere auch zum Ausmaß von Partner­schaftsgewalt liefern. Die Ergebnisse werden im ­nächsten Jahr vorliegen.

Sehen Sie die Gefahr, dass Gewalt gegen Männer und Gewalt gegen Frauen in der Öffentlichkeit und von Interessenverbänden gegeneinander aufgerechnet und ­ausgespielt werden, vor allem mit Blick auf Fördermittel?
Es muss um effektiven Schutz für alle Opfer geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt gehen. Wer Hilfe benötigt, soll Hilfe erhalten. Daher arbeiten wir eben gerade intensiv daran, den geplanten Rechtsanspruch auf Gewaltschutz für alle betroffenen Personen bundesweit abzusichern.

Es gibt deutschlandweit bislang nur gut 45 Plätze für gewaltbetroffene Männer in Schutzeinrichtungen, die Mehrzahl der Bundesländer bietet keinen einzigen Platz an. Was tut der Bund, damit dieses Angebot zeitnah ausgebaut werden kann?
Es sind viele Räder, die hier ineinandergreifen müssen. Das Hilfesystem bedarfsgerecht auszubauen, ist gemeinsame Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen. Dass Unterstützung für Gewaltbetroffene angeboten und finanziert wird, ist laut Grundgesetz zuerst Sache der Bundesländer. Selbstverständlich schließt das auch männliche Opfer ein. Das hebt im Übrigen auch der ­Koalitionsvertrag hervor.

Der Bund arbeitet bereits daran, dass Schutzeinrich­tungen für von häuslicher Gewalt betroffene Männer in allen Bundesländern entstehen. Das BMFSFJ finanziert hier beispielsweise über mehrere Jahre die Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz. Diese Vernetzungsstelle bietet interessierten Trägern, Kommunen und Ländern Beratung und Unterstützung beim Aufbau und Betrieb von Männerschutzprojekten an. Außerdem stärkt die Vernetzungsstelle das Hilfetelefon „Gewalt an Männern“ und Online-Beratungen, wobei mehrere Bundesländer finanziell beteiligt sind.

Klar ist: Gewalt in der Partnerschaft zieht sich durch alle Schichten. Viel zu häufig wird sie noch als Privatsache abgetan. Das hilft Tätern und Täterinnen. Dabei ist diese Gewalt in Beziehungen, in den eigenen vier Wänden vor allem Ausdruck von Macht und Kontrolle. Deshalb müssen wir alle aufmerksam sein, nachfragen, Hilfe anbieten. So können wir gemeinsam ein Zusammen­leben und ein Klima fördern, in dem Gewalt keinen Platz mehr hat.

Karsten Krogmann

Alle Texte der Recherche im Überblick:

#WRstory: Wenn Männer Opfer von Partnerschaftsgewalt werden
Ruhe im Karton: Wie in Oldenburg Deutschlands erste Männerschutzwohnung entstand
Nachgefragt: Warum viele Bundesländer keine Zufluchtsorte für Männer anbieten
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BFKM-Chef Frank Scheinert: „Es ist unser Job, immer wieder die Hand zu ­heben“
Nachgefragt: Wie die Polizei auf Beziehungsgewalt gegen Männer blickt
➡ Christiane Feichtmeier (GdP): „Wir als Polizei müssten mehr sensibilisiert werden“
Traditionelle Männerbilder: Die Schwäche der Superhelden
KFN-Studie: Fakten und Zahlen zur Untersuchung von Partnerschaftsgewalt gegen Männer
KFN-Studienleiter Schemmel: „Das fehlende Selbstverständnis als Opfer spielt eine zentrale Rolle“