Berlin/ Mainz – Im Jahr 2022 ist die Zahl der Anzeigen wegen häuslicher Gewalt bundesweit stark gestiegen. Das berichtet die „Welt am Sonntag“ und beruft sich dabei auf eigene Recherchen bei den Landeskriminalämtern und Innenministerien der Bundesländer. Demnach registrierte die Polizei im vergangenen Jahr insgesamt 179.179 Opfer häuslicher Gewalt. Das entspreche einem Anstieg von 9,3 Prozent im Vergleich zum Jahr 2021. Insgesamt hätten 15 Bundesländer deutlich mehr Opfer als noch im Vorjahr gemeldet – nur in Bremen/Bremerhaven sei die Zahl gesunken. Zwei Drittel der Betroffenen sind nach Angaben der Zeitung Frauen.
Anstieg auch beim WEISSEN RING
(Foto: Stehle)
„Die Zahlen sind erschreckend, aber leider nicht überraschend“, sagt Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS. „Auch bei uns haben in den vergangenen Jahren immer mehr Betroffene von häuslicher Gewalt um Unterstützung gebeten.“
2021 meldeten sich 2.799 Betroffene Häuslicher Gewalt bei Deutschlands größter Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, im Jahr darauf waren es bereits 3.187 Fälle. Das entspricht einem Anstieg von 13,9 Prozent.
#WRnews: Deutschland schützt Frauen schlecht
Einen Faktor dafür sieht Biwer in einer größeren Sensibilität in der Öffentlichkeit für das Thema, so dass Zahlen vom Dunkel- ins Hellfeld rutschen könnten. „Häusliche Gewalt ist definitiv ein großes Problem, für das es eines Bewusstseins in der Gesellschaft bedarf, aber auch Schutzkonzepte“, sagt Bianca Biwer. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) vermutet hinter den gestiegenen Zahlen einen gesellschaftlichen Wandel. In der Tagesschau sagte er: „Die Zündschnur ist bei vielen Menschen kürzer geworden und der allgemeine Ton rauer. Das gesellschaftliche Klima hat sich verändert.“
Bundesweites Lagebild in Arbeit
„Jede Stunde erleiden durchschnittlich 13 Frauen Gewalt in der Partnerschaft“, rechnete Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) vergangenen November bei der Vorstellung der Femizid-Zahlen vor. Das sind aber nur die angezeigten Fälle, tatsächlich dürften es sehr viel mehr sein: Bei häuslicher Gewalt geht der WEISSE RING von einer Dunkelziffer von rund 80 Prozent aus.
Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) appelliert an Opfer häuslicher Gewalt, die Taten häufiger anzuzeigen. „Es ist unerträglich, wenn Betroffene von häuslicher Gewalt aus Scham schweigen. Wir müssen sie stärken, die Taten anzuzeigen, damit mehr Täter strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden können.“ Gemeinsam mit dem Bundesfamilienministerium und dem Bundeskriminalamt erstellt das Innenministerium derzeit ein bundesweites Lagebild zum Thema häusliche Gewalt.
Text: Christian Ahlers
Foto: Peter Steffen/dpa