Petra Klein aus Oldenburg

Sie will „die Stimme der Basis sein“

Petra Klein ist neue Stellvertretende Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS. Ein Interview über ihre Ziele, Frauen in der Opferhilfe – und warum die Vernetzung auf europäischer Ebene so wichtig für den Verein ist.

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Foto: Christian Ahlers

Petra Klein ist von den Bundesdelegierten zur Stellvertretenden Bundesvorsitzenden des WEISSEN RINGS gewählt worden, neben ihr hat auch der wiedergewählte Gerhard Müllenbach dieses Amt inne. Klein ist seit 2009 Außenstellenleiterin im niedersächsischen Oldenburg und bereits seit 2010 im Bundesvorstand. Die 66-Jährige ist pensionierte Kriminalhauptkommissarin und Vizepräsidentin von Victim Support Europe, dem Dachverband der euro­päischen Opferhilfeorganisationen. Sie hat drei Kinder und sieben Enkel. Und sie hat einen Partner, der sich ebenfalls im Verein engagiert.

Was bedeutet es für Sie, neu im Amt der Stell­vertretenden Bundesvorsitzenden zu sein?
Erstmal bedeutet es große Freude über das Vertrauen, das mir ausgesprochen wurde. Aber es geht mir nicht um meine Person, sondern um die Chance, meine Erfahrungen direkt einzubringen und die Belange von Kriminalitätsopfern auf allen Ebenen weiter zu verbessern. Ich möchte die Stimme der Basis sein und ein besonderes Augenmerk auf ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Außenstellen lenken. Es geht um Fragen wie: Was erleichtert die Arbeit vor Ort? Können Beschlüsse auch umgesetzt werden? Wie kann Kommunikation optimiert und Bürokratie abgebaut werden?

77 Prozent der Opfer, die sich an den WEISSEN RING wenden, sind weiblich. Wie wichtig ist es, dass Frauen in wichtigen Positionen des Vereins vertreten sind?
Das halte ich für ganz, ganz wichtig. Der Großteil der Mitarbeitenden ist weiblich. In der Vergangenheit aber war der Großteil der Führungspositionen im Ehrenamt, sprich die Außenstellenleitungen, Landesvorsitze und erweiterten Gremien, überwiegend männlich besetzt. In diesem Jahr gab es für viele Positionen Wahlen, unter anderem für Landesvorsitze, und es freut mich, dass viele Frauen gewählt wurden. Vor dem Hintergrund, dass gerade Opfer von häuslicher Gewalt und Sexualstraftaten in der Überzahl weiblich sind, ist das eine erfreuliche Entwicklung. Und ich bin überzeugt, dass das auch die Außenwirkung des Vereins positiv beeinflusst.

Sehen Sie noch andere Bereiche, die sich verändern?
Wir waren bisher sehr juristen- und polizeilastig. Der Wunsch, sich breiter aufzustellen, auch was Berufs­-bilder und Erfahrungen angeht, bekommt unserem Verein sehr gut. Das spüren wir auch bei der Werbung um neue Mitarbeiter. Hier wandelt sich etwas und wir bilden die Gesellschaft insgesamt nach und nach zumindest ein Stück weit besser ab, finde ich.

Sie sind auch Vizepräsidentin von Victim Support Europe. Wie wichtig ist die Vernetzung auf europäischer Ebene für den WEISSEN RING – und warum?
Für uns ist das existenziell. Wir sind in dieser ganzen Bandbreite von Nichtregierungsorganisationen in der Opferhilfe der einzige Verein, der ausschließlich ehrenamtlich organisiert ist. Aber das Ehrenamt wird in der Regel in keiner der Handlungsempfehlungen und Ge­setzesvorhaben berücksichtigt, die von der EU in Brüssel in diesem Bereich auf den Weg gebracht werden. Es ist daher für unseren Verein besonders wichtig, sich auf dieser politischen Ebene einzubringen.

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Zum Beispiel erarbeitet die EU-Kommission zurzeit Direktiven zu Gewalt an Frauen und sexueller Ausbeutung. Damit Opfer aus diesen Bereichen weiterhin von unseren ehrenamt­lichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut werden können, ist es meine Aufgabe, darauf zu achten, dass die ehrenamtliche Arbeit in neuen Gesetzesvorgaben eingeplant wird.

Wie wichtig ist es auf lange Sicht, sich in internatio­nalen Opferhilfe-Projekten zu engagieren?
Das ist schon sehr wichtig. Nehmen wir zum Beispiel das Projekt Infovictims, das von der portugiesischen Organi­sation APAV geleitet wird. Es gibt eine Website und Printmaterialien mit Informationen zum Strafverfahren für verschiedene Länder, das Angebot richtet sich an Opfer, Behörden und Institutionen. Durch den Erfahrungsaustausch der Projektpartner können wertvolle Erkenntnisse schneller in anderen Ländern genutzt werden.

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Der WEISSE RING hat hier eine Vorbildfunktion: Wegen der finanziellen Unabhängigkeit können wir Vorhaben leichter umsetzen, zum Beispiel die bundesweite einheitliche Erreichbarkeit des Opfer-Telefons unter 116 006 oder die Onlineberatung. Mit unserer Erfahrung können wir andere Länder beraten und unterstützen, besonders diejenigen, deren Opferhilfe gerade erst aufgebaut wird.

Vor der Wahl wurde immer wieder betont, dass der neue Bundesvorsitzende Dr. Patrick Liesching, der weitere Stellvertreter Gerhard Müllenbach und Sie als Team antreten. Was haben Sie sich als Trio vorgenommen?
Uns ist es wichtig, den WEISSEN RING voranzubringen und Bremsen zu lösen. Themen, die wir angehen möchten, sind zum Beispiel eine noch bessere Zusammenarbeit mit der Bundesgeschäftsstelle und das Bestärken unserer politischen Forderungen. Aber auch die vakanten Außen­stellen und die Verjüngung im Verein haben wir uns auf die Fahnen geschrieben, außerdem wollen wir die Ergeb­nisse der AG Krisenmanagement umsetzen, wir arbeiten etwa bereits am Aufbau eines Personalpools für Opferbetreuer im Krisenfall.

Nina Lenhardt