Carina Agel aus Hochheim

„Man muss was Gutes tun wollen“

Carina Agel saß acht Jahre lang für die „Jungen Mitarbeiter“ im Bundesvorstand des WEISSEN RINGS, bei der kommenden Wahl tritt sie nicht mehr an. Wie hat sie die Zeit im Vorstand erlebt? Ein Rückblick.

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Foto: Christian J. Ahlers

Sie erscheint noch früher als der Reporter am vereinbarten Treffpunkt vor einer Bäckerei in Hochheim, einer übertrieben idyllischen Kleinstadt mit Kopfsteinpflaster bei Wiesbaden. Dabei ist dieser doch schon eine ­Viertelstunde zu früh. Es ist ganz so, als wolle Carina Agel gleich zu Beginn klarstellen: Ich nehme das ernst.

Carina Agel, 37, saß acht Jahre lang für die „Jungen ­Mitarbeiter“ im Bundesvorstand des WEISSEN RINGS, die Gruppe der Ehrenamtlichen zwischen 18 und 35 Jahren. Bei der Wahl im Herbst wird sie nicht wieder antreten. Sie ist vor einem Jahr Mutter einer Tochter geworden, und in wenigen Tagen wird sie wieder als Juristin für das Bundeskriminalamt (BKA) arbeiten. Irgendwo muss sie ja kürzertreten.

Agel ist es offenbar wichtig, eine gewisse Distanz ­einzuhalten. Das macht sie nicht, indem sie sich kühl und abweisend gibt, sie ist professionell freundlich. Sie trägt eine hellbraune Lederjacke, die in ihrer Unaufdringlichkeit zu unterstreichen scheint: Hier möchte jemand nicht durch Klamotten auffallen, sondern durch Handeln.

Seit mehr als zehn Jahren engagiert sich Agel für den WEISSEN RING. Vorher betreute sie ehrenamtlich ­Straftäter im Gefängnis, vermittelte ihnen alltägliches Leben. Dann lernte sie im Jura-Studium den WEISSEN RING kennen. Fortan kümmerte sie sich nicht mehr um Täter, sondern um Opfer. Man hat fast den Eindruck, sie bemühe sich um einen gewissen Ausgleich. Erst Täter, dann Opfer.

Warum genau sie sich damals für den WEISSEN RING entschieden hat, weiß sie gar nicht mehr so genau. „Das ist schon so ewig her“, sagt sie.

Na gut, anders gefragt: „Warum engagieren Sie sich dort bis heute?“

„Ich finde es gut, dass sich jemand für die Opfer ­einsetzt. Opfer müssen in Notsituationen unterstützt werden.“

Sie begann wie viele Ehrenamtler beim WEISSEN RING als Opferbetreuerin. Vor allem jene Fälle blieben ihr im Kopf, in denen die Opfer in ihrem Alter waren. „Ich war einfach froh, dass ich selbst so etwas nicht erlebt habe“, sagt sie. Vor acht Jahren wurde sie in den Bundesvorstand gewählt, als Vertreterin der Jungen Mitarbeiter.  Man hatte sie gefragt, sie hatte zugesagt.

Was die Junge Gruppe bewegt

Konkrete Bedürfnisse der jungen Ehrenamtler ganz nach oben zu transportieren, das war ihr Ziel. „Ich habe im Vorstand vorgestellt, was Themen für uns sind.“ K.o.-Tropfen, Cybermobbing, Stalking: Straftaten, von denen besonders junge Menschen betroffen sind und deren Gefahr junge Menschen auch besser vermitteln können. Wenn sie zum Beispiel in Clubs auf K.o.-Topfen aufmerksam machten, dann könnten jüngere Mitarbeiter das authentischer, sagt sie. Sie hat den WEISSEN RING auch in Uni-Vorlesungen vorgestellt. Für die Opferhilfe könne man im Gegensatz zum Tierschutzverein nicht mit niedlichen Tierfotos werben, erklärt sie. „Man muss was Gutes tun wollen.“ Drei Sitzungen hält der Bundesvorstand im Jahr ab. Da hatte sie Dinge vorzubereiten, vorzustellen, nachzubereiten, weiterzugeben. Um zu den Treffen quer durch Deutschland fahren zu können, musste sie auch schon mal freinehmen oder Über­stunden abbauen.

Sitzen in solchen Vorständen nicht eher Menschen, die älter und männlich sind? Sie stimmt zu, schränkt allerdings ein: „Wobei das mittlerweile im Wandel ist.“ Der Vorstand des WEISSEN RINGS werde jünger und ­weiblicher. Aber es bleibe noch viel zu tun: Frauen ­hätten schon der Familie wegen weniger Zeit. Zweitägige Treffen, Abendtermine – schwierig.

Wie das so war in Runden mit überwiegend älteren ­Männern? „Ich muss echt sagen, dass ich das Gefühl hatte, von den meisten, wenn nicht sogar von allen respektiert zu werden.“ Sie kehrt nun mit einer Teilzeitstelle zum BKA nach Wiesbaden zurück. Was sie dort machen wird, dazu möchte sie nichts sagen, auch nach wiederholter Nachfrage nicht. Nur, dass es etwas Neues ist und sie einen Bereich leiten wird. Ein Bürojob. Agel überlegt sich ganz genau, was sie mit der Öffentlichkeit teilen möchte.

Ihren Namen hat der Reporter schon einige Tage vor dem Gespräch gegoogelt. Die meisten Treffer sind älter als fünf Jahre. Meist ging es dort um ihre Doktorarbeit, die sie im Fach Kriminologie über sogenannte ­Ehrenmorde geschrieben hat; Morde, die an Frauen begangen werden, weil eine vermeintliche Familienehre wiederhergestellt werden sollte. Auf die Idee brachte sie ein Fall in Berlin, über den damals viel berichtet wurde. „Ich weiß noch, dass die Mutter des Angeklagten, der seine Schwester umgebracht hatte, im Gerichtssaal herumgeschrien hat. Sie konnte nicht verstehen, dass ihr Sohn verurteilt wird. Da habe ich mich gefragt: Wie kann das sein? Warum trauert sie in dieser Situation nicht um ihre Tochter?“ Hat sie es durch die Doktorarbeit begreifen können? „Ich habe einen Eindruck bekommen, in welchen Familienstrukturen solche Taten verübt werden. Ich kann es trotzdem immer noch nicht nachvollziehen, wie man so handeln kann.“

Die ersten Gespräche fand sie „teilweise echt hart“

Agel hatte also schon im Studium mit menschlichen Abgründen zu tun, mit Verbrechen. Das Interesse dafür setzte kurz vor Ende der Schule ein. „Da habe ich mir Gedanken gemacht, was danach kommen könnte, ein Praktikum bei einem Rechtsanwalt absolviert und gedacht: Das könnte ich mir vorstellen. Dass ich keine Lehrerin werde, wusste ich.“ Sie studierte also Jura, wusste ziemlich schnell, dass sie etwas bei der Polizei machen möchte. Bloß nicht Anwältin. „Weil ich keine Lust hatte, mich über irgendwelche Nachbarschaftsstreitigkeiten zu ärgern. Über unwichtige Dinge, bei denen die Emotionen hochkochen.“ Das ist auch so der Eindruck, den man von ihr hat: Agel möchte etwas machen, das Bedeutung hat.

Zur Kriminologie gehört auch die Viktimologie, die Opferforschung. Dort lerne man auch, was Opfer wollen, sagt sie. Und was wollen Opfer? „Vor allem die ­Anerkennung als Opfer. Das erreicht man, indem man ihnen Gehör schenkt.“ Das hat sie auch durch ihre Arbeit beim WEISSEN RING gelernt. Ihr war es wichtig, sich die Zeit zu nehmen, die es für so ein Gespräch braucht. „Opfer erzählen eher von sich aus. Ich würde da nie viel fragen. Damit kann man auch viel anrichten. Das Opfer könnte durch die Fragen ein zweites Mal traumatisiert werden.“

Die ersten Gespräche fand sie „teilweise echt hart“. Zeigt sie in solchen Situationen also selbst Gefühle? „Da ist es der Mittelweg. Es hilft nicht, in Tränen ­auszubrechen. Man muss trotzdem eine professionelle Distanz ­wahren. Aber es ist für jeden Gesprächspartner auch total schrecklich, wenn da ein Eisklotz sitzt und am Ende sagt: Guten Tag, vielen Dank, auf Wiedersehen.“

Im Studium war sie Opfern von Verbrechen nie so nah gewesen. Da las sie bloß in Akten über sie. „Als Jurist ist es wichtig, dass man, wenn man über Dinge entscheiden soll, weiß, was die Auswirkungen auf Personen sind. Zum Beispiel, wenn ich eine Wohnungsdurchsuchung anordne, sollte ich wissen, was es für die Person bedeutet, wenn um 6 Uhr morgens die Polizei auf der Matte steht und die ganze Wohnung durchsucht. Und ich sollte wissen, dass Opfer unter Umständen ein ganzes Leben lang leiden.“ Die ehrenamtliche Arbeit für den WEISSEN RING bietet ihr also den Kontakt zu einer Realität, die ihr im Alltag nicht begegnet, auf die sie aber durch ihren Job beim BKA Einfluss nimmt. Ein Polizist ist immerhin noch auf der Straße unterwegs. Sie bleibt im Büro.

Etwas von Bedeutung

Es gibt Menschen, die haben eine große Geschichte zu erzählen, warum sie beim WEISSEN RING gelandet sind, warum sie sich dort noch immer engagieren. Carina Agel hat keine solche Geschichte zu erzählen. Und gerade deshalb eben doch: Wer sich für Kriminalitätsopfer engagiert, braucht dafür kein Erweckungserlebnis, ­keinen Wendepunkt im Leben, keine originelle Begründung, schon gar nicht die Erfahrung, selbst Opfer geworden zu sein. Es reicht das schlichte Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun. Wieso, weshalb, warum? Ist doch egal. Das ist für einen Journalisten, der gern die große Geschichte erzählen möchte, ein wenig unbefriedigend. Journalisten wollen nicht unbedingt über Menschen schreiben, die abwägend antworten, die sich völlig zurücknehmen können, sachlich auftreten, die keine laute Meinung vertreten. Opfer aber brauchen genau solche Menschen, um sprechen zu können.

Sebastian Dalkowski